„Ich bin anders, nicht weniger.“
Temple Grandin
Autismus-Spektrum-Störung – die Welt anders wahrnehmen
Vielleicht kennen Sie das Gefühl, dass Ihr Kind die Welt auf eine ganz eigene Weise erlebt. Oder Sie selbst spüren seit Langem, dass zwischenmenschliche Situationen für Sie anstrengender sind als für andere – und Sie haben sich nie richtig erklären können, warum. Manchmal steht am Ende eines langen Weges eine Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung.
Das Wort „Spektrum“ ist dabei entscheidend. Es gibt nicht den Autismus. Manche Menschen leben weitgehend selbstständig und brauchen nur in bestimmten Bereichen Unterstützung, andere benötigen im Alltag umfassende Begleitung. So unterschiedlich die Ausprägungen sind, so unterschiedlich sind auch die Stärken – ein Blick fürs Detail, ausgeprägte Ehrlichkeit, tiefe Konzentration in Interessensgebieten.
Woran lässt sich Autismus erkennen?
Die Anzeichen zeigen sich meist schon in den ersten Lebensjahren, werden aber nicht selten erst viel später eingeordnet. Typischerweise fallen zwei Bereiche auf:
- Soziale Interaktion und Kommunikation: Blickkontakt fühlt sich unangenehm an, Mimik und Tonfall anderer bleiben schwer lesbar. Ironie, Andeutungen oder unausgesprochene Erwartungen werden oft wörtlich genommen. Kontakt zu anderen wird durchaus gewünscht – nur gelingt er nicht auf dem üblichen Weg.
- Wiederkehrende Muster und Interessen: Feste Abläufe geben Sicherheit, unangekündigte Veränderungen können erheblichen Stress auslösen. Dazu kommen häufig sehr intensive Spezialinteressen und beruhigende Bewegungsmuster.
Ein dritter Bereich wird oft unterschätzt: die Reizverarbeitung. Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen können unerträglich intensiv wirken – oder umgekehrt kaum wahrgenommen werden. Was für andere ein normaler Supermarktbesuch ist, kann so zur echten Überforderung werden.
Gerade Mädchen und Frauen bleiben lange unerkannt, weil sie soziale Regeln oft mühsam nachahmen und ihre Schwierigkeiten dadurch verbergen. Diese ständige Anpassungsleistung kostet enorm viel Kraft und führt nicht selten zu Erschöpfung, Ängsten oder depressiven Phasen.
Was Begleitung leisten kann
Autismus ist keine Krankheit, die „wegtherapiert“ wird – und das ist auch nicht das Ziel. Vielmehr kann es darum gehen, die eigene Wahrnehmung besser zu verstehen, den Alltag passend zu gestalten und Überforderung zu vermeiden.
Bewährt hat sich dabei der TEACCH-Ansatz, der auf Struktur und Visualisierung setzt: Räume, Zeitabläufe und Aufgaben werden so aufbereitet, dass sie auf einen Blick verständlich sind – etwa durch Bildpläne, klare Reihenfolgen oder erkennbar abgegrenzte Bereiche. Nicht der Mensch soll sich an eine verwirrende Umgebung anpassen, sondern die Umgebung wird nachvollziehbar gemacht. Das schafft Vorhersehbarkeit, senkt den Stresspegel und eröffnet Selbstständigkeit.
Ergänzend können – je nach Situation – der Umgang mit Reizüberflutung, soziale Situationen oder die Begleitung von Angehörigen Thema sein. Ebenso das, was sich vielleicht zusätzlich entwickelt hat: Ängste, Erschöpfung, ein angeschlagenes Selbstwertgefühl nach Jahren des ‚Andersseins‘.
Der erste Schritt zählt
Ob Sie sich Klarheit über eigene Erfahrungen wünschen oder als Elternteil nach Halt und Orientierung suchen – Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.
In meiner Praxis arbeite ich therapeutisch mit Erwachsenen ab 18 Jahren. Manche kommen mit einer späten Diagnose oder einem bislang unbestätigten Verdacht. Am Anfang kann ein neuer Blick auf die eigene Biografie stehen: Manches, was jahrelang als persönliches Versagen gedeutet wurde, lässt sich plötzlich anders erklären. Von dort aus können praktische Fragen in den Vordergrund rücken – wie sich Beruf oder Studium tragfähig gestalten lassen, was Freundschaften und Partnerschaft leichter macht, wem gegenüber Sie die Diagnose ansprechen möchten und wie Sie Ihre Kräfte einteilen, damit genug für Sie selbst übrigbleibt. Und nicht zuletzt kann auch Platz dafür sein, die eigenen Stärken wieder ernst zu nehmen. Welches Thema auch immer behandelt werden soll, entscheiden Sie.
Auch als Angehörige oder Angehöriger – etwa als Elternteil eines Kindes im Autismus-Spektrum – können Sie sich an mich wenden. Dann kann Ihre eigene Situation im Mittelpunkt stehen: der Umgang mit Belastung und Erschöpfung, ein besseres Verständnis für die Wahrnehmungswelt Ihres Gegenübers und die Frage, wie Sie sich zwischen Rücksichtnahme, Organisation und Alltag selbst nicht aus den Augen verlieren. Die therapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen selbst erfolgt bei spezialisierten Kolleginnen und Kollegen.
Melden Sie sich gerne für ein erstes, unverbindliches Gespräch. Gemeinsam schauen wir, was Sie im Alltag konkret entlastet.
